Merken
Immobilien Magazin

Wenn man versucht, Baustoffe gegeneinander auszuspielen, kann es mitunter hitzig werden. Vor allem dann, wenn es um ein hochemotionales Thema wie den Klimaschutz geht. Da meint man schnell, den Schuldigen gefunden zu haben. Etwa die Politik, die der Immobilienwirtschaft rund 40 Prozent der CO²-Emissionen zumisst. Klarer Fall: In dem Fall muss der Schuldige natürlich Zement sein, und Holz ist das Wundermittel, um dem Klimachaos Herr zu werden. So einfach ist das aber nicht, hat der jüngste 5 o’clock tea gezeigt.

Das lag auch an den Gästen, die der Einladung von Moderator Gerhard Rodler und Ewald Stückler von T.O.C. gefolgt sind. Auf der einen Seite Martin Löcker, Vorstand bei der UBM Development, die ihrerseits mehr auf Holz-Hybridbau setzt und sich überhaupt verstärkt dem Thema ESG und Nachhaltigkeit widmet. Auf der anderen Sebastian Spaun, Geschäftsführer der Vereinigung der österreichischen Zementwerke (VÖZ), der sich so gar nicht in die Rolle des Klimasünders drängen lassen wollte und argumentativ hochgerüstet den Diskussionsring betreten hatte. In Wahrheit, so Spaun, würde bei der Diskussion nur ein Stellvertreter-Hahnenkampf geführt. Die beiden Baustoffe gegeneinander ausspielen sei nämlich, so sagt er, nicht unbedingt redlich. Beide haben nämlich ihre Berechtigung, beide ihre Notwendigkeit – und auch beide ihre Energiebilanzen, wobei sich daraus nicht zwangsläufig ergibt, dass Holz automatisch nachhaltiger ist, nur weil es sich um einen nachwachsenden Rohstoff handelt.

Böser Beton?

Beton ist vice versa auch nicht einfach böse. Auch Martin Löcker wollte sich da nicht so schnell in eine Position drängen lassen, schließlich benötigt man als Immobilienentwickler eben auch Beton. Man wolle lediglich den CO²-Footprint gemäß einer sozialen Verantwortung reduzieren, sagt Löcker: „Und da gibt es mehrere Wege, um das zu erreichen, Errichtung, Betrieb und Energienutzung. Der größte Hebel ist als Entwickler natürlich die Errichtung und daher haben wir als Baustoff auf Holz gesetzt.“ In der Errichtungsphase erspare man sich rund die Hälfte der CO²-Emissionen bei der Errichtung, eine Tonne Holz speichert einen m² CO². „Holz ist eine gute Kombination aus Ökologie, Technologie und Atmosphäre“, so Löcker.

Von den Vergleichen Holz versus Beton hält Sebastian Spaun vom VÖZ naturgemäß wenig. Nicht in erster Linie, um den Beton per se zu verteidigen, sondern weil er das Thema Umweltbilanzierung vom wissenschaftlichen Background her sehr genau kennt, einerseits als Forscher, andererseits auch von seiner Tätigkeit vom VÖZ. Manche veröffentlichten Rechnungen kann er daher nicht nachvollziehen, schon gar nicht bestätigen. Auch er weiß von Studien zu berichten, die die Energiebilanz von Holz und Beton sehr ähnlich sehen.

Dass Holz oft als so viel besser dargestellt wird, führt Spaun mehr auf ein methodisches Missverständnis zurück. Zunächst speichert Holz kein CO², sondern Kohlenstoff, den die Bäume aus dem CO² aus der Atmosphäre beziehen, sagt Spaun. Bei der Rechnung wird aber das Lebensende eines Werkstoffs oft ausgeklammert. Wenn etwa im Wald ein Baum verfault oder am Ende eines Lebenszyklus verwertet, das heißt verbrannt wird, dann wird die berühmte Tonne, die Holz an CO² speichert, wieder freigesetzt. Daher, so Spaun: Würde man Holz bis zum Ende seines Lebenszyklus in der Umweltbilanzierung betrachten, so sind die Unterschiede zwischen Beton und Ziegel gar nicht einmal so groß – abgesehen davon, dass Holz vor dem Bauen behandelt werden muss, etwa durch Trocknung, Verklebung, Transport, Logistik, usw. Sicher, räumt Spaun ein, lasse sich vielleicht je nach Konstruktion und Architektur bei Holz vielleicht das eine oder andere Prozent erreichen. „Die großen Unterschiede basieren aber in der Regel auf einem Rechenfehler“, so Spaun, der den Wettbewerb zwischen den Baustoffen an sich für gut und richtig hält und auch die Zementindustrie bestrebt ist, sich zu dekarbonisieren. In der politischen Diskussion bemängelt Spaun hingegen, dass man in dem Zusammenhang dazu neige, nach schnellen und einfachen Lösungen zu suchen, vor allem, dann, wenn die Menschen es ohnehin glauben. Denn: „Das Holz ökologisch ist, bezweifelt niemand“, so Spaun, aber man müsse bei der Ökobilanzierung eben genau sein und auch die Verarbeitung und den Transport miteinbeziehen.

Qualitäten

Holz liefert beim Bauen jedenfalls einen wesentlichen Beitrag zur Wohlfühlatmosphäre, sagt Ewald Stückler, etwa in Bezug auf Haptik und Oberfläche. In der Innenarchitektur ist Holz ohnehin nicht wegzudenken. Dass Beton irgendwann einmal obsolet würde, glaubt Stückler nicht: „Das wäre auch unmöglich, sonst hätten wir ja keine Wälder mehr.“

Es ist sicherlich ein Statement, wenn sich Unternehmer zum Holz committen, es folgt auch dem aktuellen Trend, ersetzen kann es Beton aber nicht. Das größte Potenzial sieht Stückler in der Wandverkleidung, der Ausstattung, im Innenausbau, wo Holz beim Nutzer ein entsprechendes Wohlgefühl auslöst. Im Übrigen bringe es auch nichts, Holz gegen Beton auszuspielen.

Den krassen Widerspruch sieht auch Martin Löcker nicht, im Gegenteil. „Dass Holz- und Betonbau gegeneinander arbeiten ist Blödsinn. Holz ist genauso ein wichtiger Baustoff wie Beton und Stahl“, so Löcker. Holz ist in den vergangenen Jahren als Baustoff allerdings ein wenig in Vergessenheit geraten, wenn man den Bau der vergangenen Jahrhunderte betrachtet. „Holz verfügt über eine ganze Reihe an Qualitäten, die, wenn man sie richtig einsetzt, auch kompetitiv sind und manchmal auch überlegen sind. Holz gehört aber auch bei einer Reihe von Einsatzgebieten einfach nicht dazu, wo Beton oder Stahl wieder der richtige Baustoff sind.“ Aber: Die Tatsache, dass Holz ein nachwachsendes Element ist, ist für uns ein wichtiges Argument, schießt Löcker nach.

Lassen sich mit Holz die Klimaziele also erreichen? Spaun: „Die Rohstoffsituation ist eine wichtige Frage. Genau das ist auch eine Forderung von uns, die Frage zu stellen, wo die Rohstoffe herkommen, analog zu Lebensmitteln.“ Laut Spaun würde in Österreich rund 43 Prozent des Gesamtholzbedarfs importiert werden, etwa für die Papierproduktion, usw. Seit vielen Jahren. Beim Bauholz könne der Prozentsatz sogar noch höher sein, so Spaun, aus den eigenen Rohholzbeständen aus den eigenen Wäldern würde man in Österreich seit Jahren eine konstante Menge beziehen.